Eine große Pädagogin - Gertraud Greiling

19.12.2016
Gertraud Greiling

Nach rund 120 Halbjahren ist dann auch für Gertraud Greiling in diesem Sommer Schulschluss. Eine Herausforderung für die mittlerweile 80jährige Pädagogin – gilt es nun doch die Rhythmisierung durch den Verlauf des Schuljahres zu verlassen und gleichzeitig neue Betätigungsfelder zu finden.

Bis zum Sommer war Gertraud Greiling die Gründungsdirektorin der KOSMOS Bildung Münsterland-Schule im Stift Tilbeck. In Gievenbeck bekannt und für den
Stadtteil über viele Jahre prägend war sie allerdings als Lehrerin und spätere Rektorin der Evangelischen Wartburg-Grundschule. In ganz Deutschland und darüber hinaus ist das Wirken Gertraud Greilings als Reformpädagogin bekannt und darf als wegweisend eingeschätzt werden. 1959 kam Gertraud Greiling aus Berlin und Kiel nach Münster zur Geburt ihrer Töchter und zum Studium und wurde 1963 Lehrerin an der 1961 gegründeten Wartburg-Volksschule. Damals war Gievenbeck noch ganz anders als heute – in Toppheide standen die alten Holzbaracken. Große Familien mit 5, 6 oder mehr Personen wohnten in zwei Räumen mit einem Waschbecken. Der Raum war eng – für Hausaufgaben gab es überhaupt keinen Platz. In der Schule wurden 34 bis 38 Kinder in einer Klasse unterrichtet. Es gab Spannungen zwischen den Kindern – auch aufgrund unterschiedlicher Konfessionen – und die Schule hatte nicht die Zeit, allen Kindern gerecht zu werden. „Als ich das erste Mal mit dem Fahrrad durch Toppheide fuhr, fragten sich alle, welches Kind wohl was angestellt hätte. Dabei wollte ich nur sehen, wie meine Schüler leben“, erinnert sich Gertraud Greiling an ihre Anfänge in Gievenbeck.

Da von städtischer bzw. staatlicher Seite keine Unterstützung zu erwarten war, organisierte die junge Lehrerin selbst Abhilfe. „Wir haben eine Nachmittagsschule gegründet, die bis 16:00 Uhr ging. Es war eine Notfallschule, in der es Essen gab, in der Turnhalle geduscht werden konnte und die Kinder bei den Hausaufgaben unterstützt wurden“, berichtet Gertraud Greiling. Kollegen und Kollegen stiegen mit ein, aber ohne die Frauengruppe der Lukas-Gemeinde wäre dieses Projekt nie
umsetzbar gewesen. Fast zehn Jahre hielt die Helfergruppe durch und organisierte die Nachmittagsschule bzw. später den Ganztagsunterricht.

1968 wurde in Deutschland die achtjährige Volksschule aufgelöst und durch die vierjährige Grund- und die sechsjährige Hauptschule ersetzt. 1971 stellte endlich die Stadt Münster Geld für Erzieherinnen und Erzieher in den Klassen bereit.

Die Raumsituation wurde aber zunehmend zu einem Problem: Im gemeinsamen Gebäude von Haupt- und Grundschule am Coesfelder Kreuz kam es auf dem Schulhof und in den WC-Anlagen zunehmend zu Reibereien. Auch wuchs der Stadtteil deutlich an. Mit der Folge, dass die halbe Grundschule umzog. Der Ganztagsschulbereich zog in ein nicht genutztes Areal der Michael-Grundschule. „Der  Kontakt  war gut, aber die beiden Grundschulen waren doch sehr verschieden. Das fing damit an, dass unsere Schüler morgens in die Klassenräume durften, die Michaelschüler sich aber zu zweit auf dem Schulhof aufstellen und warten mussten bis sie abgeholt wurden.“

Die Trennung der Schulgemeinde war nicht sonderlich glücklich. Für die Lehrerinnen  und  Lehrer bedeutete es ein stetiges Hin und Her. Aber auch am neuen Standort kam es bald zu Platzproblemen. Diese wurden mit zwei Containern des ehemaligen Lettischen Gymnasiums abgemildert, aber es war klar, dass auf Sicht etwas passieren musste. 1979 wurde das Grundschulprojekt Gievenbeck gegründet, der nach wie vor steinige Weg zu einer Ganztagsschule wurde weiter beschritten. Ganztagsunterricht, Notenfreiheit, eigenverantwortliche Planung des Schulalltags, Forschergruppen, Projektarbeit sind an der Wartburg-Grundschule mittlerweile etabliert. Sie einzuführen und umzusetzen konnte oft aber nur gegen erheblichen Widerstand von außen gelingen. Zu sehr war Bildungspolitik noch bis in die Anfänge dieses Jahrtausends ideologisch besetzt.

Die Stadt Münster, ganz besonders der damalige Bildungsdezernent Hermann Janssen, planten Ende der 80er Jahre einen kompletten Neubau. Doch das Land Nordrhein-Westfalen verweigerte die Zustimmung – es bestehe kein Bedarf, daher würden keine Landesmittel zur Verfügung gestellt. Diese Absage führte
zu einem heute undenkbaren Beschluss des Rates der Stadt Münster: Die Wartburg-Grundschule wurde ohne Landeszuschüsse gebaut. 17 Millionen DM standen dafür zur Verfügung. „Beim Bauen bestanden daher größere Freiheiten, die auch genutzt wurden“, so Gertraud  Greiling. In unzähligen Konferenzen mit Pädagogen, Architekten, Planern und Eltern wurde um die Details gerungen. Statt einer Mensa wurden die Klassenräume vergrößert, da keine Aula erlaubt war, wurde die Eingangshalle wie eine Agora angelegt und in den einzelnen Häusern entstanden interne, getrennte Bereiche. Individuelles Lernen, Aktionen in der Gemeinschaft, der Raum für Probieren und Forschen, Rückzugsmöglichkeiten und Stätten für kreatives Werken - all diese Elemente des pädagogischen Konzeptes flossen in die Baukörper ein. Auch die Außenflächen wurden kindgerecht, den Spiel- und Forschertrieb anregend, gestaltet. Alles Aspekte, die 2008 starken Einfluss auf die Jury-Entscheidung hatte und der Wartburg-Grundschule die Auszeichnung „Beste Schule Deutschlands“ einbrachte.

Da war Gertraud Greiling schon acht Jahre im Ruhestand, allerdings als Leiterin der schuleigenen Bibliothek „Lese-Oase“ noch ganz nah am Geschehen. „Ich bin kein großer Freund von Wettbewerben“, sagt sie, aber gefreut hat sie sich doch über die Auszeichnung für „ihre“ Schule. „Es ist am wichtigsten, nicht stehenzubleiben. Eine gute Schule ist nie fertig,“ weiß Gertraud Greiling aus eigener Erfahrung. „Schule zu verändern ist schwieriger als eine Schule zu gründen.“ Beides hat die Pädagogin intensiv betrieben. 1996 konnte der Neubau am Toppheideweg bezogen werden, zwei Jahre später erfolgte der Anbau des vierten Klassenzuges. 2012 wurde der letzte Zug der Wartburg-Grundschule ein gebundener Ganztagszweig.

Auf dem Weg dorthin waren die Reaktionen auf die maßgeblich von Gertraud Greiling geprägten pädagogischen Ideen und Ansätze oft alles andere als freundlich. Vom Vorwurf der „Rabeneltern“ bis hin zur offenen Opposition und Verhinderung von Ansätzen musste sie alles erleben und hat sich doch nicht von ihrem Weg abbringen lassen.

Nach ihrer Pensionierung engagierte sich Gertraud Greiling in der Lese-Oase, war Presbyterin der Lukas-Gemeinde, organisierte hier beispielsweise die Kinderkirche oder schrieb die Stücke für sechs Krippenspiele. Ein eigentlich voller Unruhestand, bis die Anfrage aus Senden kam. Die staatlich anerkannte Ersatzschule hat vieles aus dem „Wartburg-Konzept“ seit diesem Schuljahr bis Klasse 13 umsetzen können. Jetzt fehlt eigentlich nur noch eine angegliederte Kindertagesstätte.

„Wenn ich über Schule rede, merkt man noch wie sehr ich daran hänge“, sagt Gertraud Greiling. Das stimmt.

Selten waren sich die Akteure in Münster und Gievenbeck übrigens so einig wie bei der Frage, ob das Engagement dieser herausragenden Pädagogin geehrt werden sollte. 2007 überreichte ihr dann der damalige Bundespräsident Horst Köhler in Schloss Bellevue das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Veit Christoph Baecker

Quelle:GIEVENBECKER Magazin vor Ort 4/2016