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Jahrgangsübergreifendes Lernen ist ein Markenzeichen der Wartburg-Grundschule
Von Thomas Usselmann
MÜNSTER-GIEVENBECK. Leo, sieben Jahre alt, erzählt, wie Farben entstehen: Nicht nur die sechsjährige Josephine hört aufmerksam zu, auch Bettina Pake lauscht den Ausführungen des Zweitklässlers. Die Lehrerin sitzt zwischen den beiden Schülern am Tisch, gibt zusätzliche Erläuterungen. "Wir sprechen nicht mehr von erster und zweiter Klasse", sagt Direktorin Gisela Gravelaar. Beide Jahrgangsstufen werden an der Wartburg-Grundschule gemeinsam unterrichtet - bereits seit zehn Jahren eines der Markenzeichen der preisgekrönten Schule.
Leo und Josephine gehören zu den "Kängurus": Sie zählen neben den "Zebras", "Gazellen", "Koalas", "Igeln", und "Füchsen" zu den acht jahrgangsübergreifenden Eingangsklassen. Individuelles Lernen wird groß geschrieben; jeder Schüler nach seinem Lerntempo - so lautet das Credo. Es klingt spannend: Die Kinder entwickeln ihre Aufgaben und Ziele gemeinsam mit ihren Lernbegleitern - so bezeichnen sich die Lehrer. Jedes Kind erhält Woche für Woche einen Brief mit dem Feedback der Lerhperson.
"Viele Schulanfänger sagen schon nach der ersten Woche, dass sie lesen können", weiß Bettina Pake. Denn die älteren Schüler helfen den jüngeren. Kinder die bereits über mehr Wissen im Lesen, Rechnen und Schreiben verfügen, verfestigen es dabei zugleich.
"Du hast Daniel und Eva (Namen v.d. Red. geändert) richtig gut geholfen, sich bei den Kängurus wohl zu fühlen und den Wochenarbeitsplan zu verstehen und selbständig zu arbeiten! Dafür danke ich dir herzlich!" Mit diesen Worten leitet Bettina Pake - sie betreut mit Unterstützung einer Kollegin und einer Erzieherin die "Kängurus" - einen Wochenbrief ein. Freilich nicht ohne die formulierten Aufgaben wie Kopfrechnen mit Partner, "mit Schwung schreiben" oder die "Ziele lesen und aufkleben".
Kein Wunder, dass individuelles Lernen dem Lehrer ein Höchstmaß an Förderung und Zuwendung abverlangt. Während die Lehrerin - die "Kängurus" sprechen sie mit Vornamen an - mit jedem Kind die Erledigung seiner Aufgaben überprüft, widmen sich die Klassenkameraden dem nächsten Thema rund um das Kinderbuch "Leon ist anders", in dessen Mittelpunkt ein Chamäleon steht.
"Methodenvielfalt beim Unterrichten ist unser Grundprinzip", weiß die Schulleiterin. "Individuelles Lernen darf nicht Vereinzelung bedeuten, sondern auch individuelle Förderung der schwächeren Schüler." Schulinterne Fortbildungen und regelmäßige Fortbildungen seien Pflicht für die Lehrkräfte des jahrgangsübergreifenden Unterrichts, der sich in der dritten und vierten Klasse fortsetzt. Gisela Gravelaar: "Unsere Lehrer müssen die Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und zur Veränderung als Grundvoraussetzung mitbringen. Kinder brauchen kooperierende Vorbilder!"
Pate des Lernmodells stand seinerzeit die vom Reformpädagogen Hartmut von Hentig un Bielefeld gegründete Laborschule. Dort hat sich die Direktorin kurz vor ihrem Amtsantritt (1996) in Gievenbeck informiert. Etwa 900 Wartburg-Grundschüler absolvierten bislang die jahrgangsübergreifende Eingangsphase am Toppheideweg 91, bilanziert Gisela Gravelaar.
Quelle: Westfälische Nachrichten vom 07.11.2011